Datenight

Das brennende Gefühl in ihrem Bauch verstärkt sich. Maike wackelt so mit den Zehen in ihren Schuhen, dass sogar der Unterschenkel mit wippt. Immer wieder fährt sie sich mit den Fingern unter den Augen her und verwischt dabei jedes mal ganz leicht ihre Wimperntusche. Ihr Chef betritt den Raum und Maike schluckt. Sie ahnt, was jetzt kommt. „Frau König, wie geht es Ihnen?“ – „Danke. Ganz gut.“ – „Wirklich? Es macht zur Zeit den Anschein, als seien Sie etwas abgelenkt. Da wollte ich mal nachfragen, bevor es zu spät ist.“ Ihr Chef scheint ihr Unbehagen zu spüren. „Frau König. Das hier soll kein Abmahngespräch sein. Genau das möchte ich vermeiden. Sie müssen mir nicht sagen, was los ist. Aber ich biete Ihnen an, sich diese Woche frei zu nehmen. Kümmern Sie sich um alles, was für Sie nötig ist und kommen dann in alter Verfassung wieder.“ Maike atmet hörbar aus. Ihr Körper sackt leicht in sich zusammen und sie schluckt den fester werdenden Knoten in ihrem Hals herunter. Sie nickt und bedankt sich während sie das Büro verlässt. Glück gehabt. Sie hat mit schlimmeren Maßnahmen gerechnet, nach all den Konzentrationsfehlern, die sie sich in jüngster Zeit geleistet hat.

Maike steht auf dem Platz vor dem Gebäude und blickt in alle Richtungen. Wohin jetzt? Die Woche kann sie gut nutzen, um ihre nicht kürzer werdende Liste abzuarbeiten. Danach wird es ihr sicher besser gehen. In Richtung der Fußgängerzone liegt eine günstige Einkaufsmöglichkeit, um alles nötige für die Woche zu besorgen. Maike geht los und beschleunigt ihren Schritt. Ihre Absätze geben den Rhythmus vor, in dem ihr Kopf bei jeder Aufgabe, die ihr in den Kopf schießt, nickt. Am Straßenrand fällt ihr ein Plakat ins Auge: „Du bist der Schlüssel! Liebe dich selbst.“ Sie geht weiter.

Die Einkaufstaschen sind schwer. Schon in der zweiten Etage bereut sie die Entscheidung, nicht den Fahrstuhl genommen zu haben. „Stell dich nicht an“, scheint es von den kahlen Wänden des Hausflures zu hallen. Das Echo ihrer Absätze gepaart mit ihren schweren Atemgeräuschen wirkt sogar auf die sonst so taffe Maike bedrohlich. „Jetzt bist du völlig plemplem“, denkt sie noch und alles wird schwarz.

„MAIKE – MAIKE!“ Sie ist auf einem Schiff und wird in ihrer Koje durchgerüttelt. Ein Leck im Bug, sie wird ertrinken. Ihr Gesicht ist schon unter Wasser. Der Schlüssel, wo ist der Schlüssel, um herauszukommen. Sie öffnet die Augen panisch. „Guten Morgen, da bist du ja wieder. Gleich hätte ich einen Arzt gerufen! Kann ich immer noch machen.“ Ihre Nachbarin lächelt sie an. „Julia, was?“ Maike wischt sich die Tropfen aus dem Gesicht, während Julia eine Wasserflasche schließt. „Tut mir leid, ich dachte, so kommst du wieder zu dir.“ Sie hebt kurz die Schultern. „Was ist denn passiert? Ich hab die Haustür aufgemacht und du hast hier gelegen.“ – „Mir muss schwindelig geworden sein. Aber es geht jetzt wieder.“

Maike rappelt sich auf und beugt sich herab zu ihren Einkäufen. „Warte, lass mich das tragen.“ – „Danke.“ Gemeinsam mit Julia geht Maike in ihre Wohnung. „Geht es wieder? Ich kann noch einen Arzt anrufen. Oder soll ich bei der Arbeit anrufen für dich?“ – „Nein nicht nötig, ich habe eh Urlaub.“ – „Das ist doch toll. Dann kannst du dich endlich mal um dich kümmern. Du kommst echt zu kurz, wenn ich das mal so sagen darf.“ Julias Blick wandert über den Esstisch, auf dem mehrere Stapel mit unterschiedlichsten Dingen liegen. Jedem Stapel ist ein Name zugeordnet: Aufgaben die Maike für Freunde und Familie übernommen hat und die nun dringend erledigt werden wollen. „Das geht schon.“ – „Natürlich geht das. Wenn du die Kraft hast, alles zu schaffen. Aber Urlaub sollte dafür da sein, deine Akkus wieder zu laden. Schon mal was von Selbstliebe gehört? Im Flugzeug legst du auch dir zuerst die Sauerstoffmaske an und hilfst dann anderen.“

Maike nickt. Soweit klingt das zwar richtig. Aber sie kann sich doch nicht selber befehlen, sich selbst zu lieben. Sie kann ja auch niemand anderen auf Knopfdruck lieben. „Du brauchst eine Datenight mit dir selbst.“, stellt Julia fest. „Bitte was?“ – „Ein Date. Mit dir. Du hast schon Recht, auf Knopfdruck wirst du dich nicht selbst lieben. Aber du kannst eine Beziehung mit dir eingehen. Ein bisschen wie eine politische Ehe mit deinem Körper, Geist und deiner Seele. Du weißt rational, dass du alle drei brauchst und bist deshalb mit ihnen vereint. Richtig gut funktioniert die Verbindung aber erst dann, wenn aus der rationalen eine emotionale Bindung wird. Eine Partnerschaft. Mach mal einen Abend nur Dinge, die dir gut tun. Du wirst sehen: Aus Selbstfürsorge kann Selbstliebe werden. Und plötzlich ist es ganz leicht, auch mit Energie für andere da zu sein.“ Julia geht Richtung Tür. „Ich lass dich mal allein mit den Gedanken: Sag Bescheid, wenn du noch was brauchst! Achso und kleiner Protipp: Eine Beziehung mit einer anderen Person pflegst du kontinuierlich. Das gilt auch für deine Beziehung zu dir selbst.“ Sie zwinkert und verlässt die Wohnung.

Lebt leuchtend, Lena.

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