Parkbesuch

Schlangenlinien gehend bahnt sie sich den Weg über den Schotterpfad, der ebenso geschlängelt vorbei an Bäumen und Bachläufen führt, die schon lange vor ihrer Zeit gepflanzt und angelegt wurden. Richtiger wäre wohl, schon lange vor der Zeit von irgendeinem der Parkbesucher, die an diesem Frühlingsmorgen entlang der Blumenpracht flanieren. An einigen Stellen mischt sich der Geruch des zu stark aufgetragenen Parfüms einiger Besucherinnen zu dem Duft frischer und feuchter Erde. Die Pfützen des Vortags sind noch nicht vertrocknet. Weitere Hindernisse, die es zu umschiffen gilt, damit Antonia endlich etwas zur Ruhe kommen kann. Durchatmen kann. Offensichtlich hatten die Bewohner ihrer Stadt aber alle denselben Gedanken. Der Schotterweg gleicht einem Laufsteg, auf dem sich die neuesten Handtaschenmodelle und hippsten Sonnenbrillen gegenseitig die Show stehlen.

Antonia schüttelt den Kopf und lässt sich auf einem nahegelegenen Baumstamm nieder. Der Baum kann erst kürzlich gefällt worden sein, so frisch und verletzlich liegen die Altersringe nun vor ihr. Sie zückt ihren Skizzenblock und beginnt mit schnellen Kohlestrichen die Zeichnung. Die Bäume, die Sonnenstrahlen, die durch die neu aufgeblühten Knospen hinab auf den Bachlauf fallen und das Wasser darin rund um die großen Steine zum Glitzern bringen. Immer wieder lehnt Antonia sich zur Seite und blickt so an einem der Passanten vorbei, der gerade wieder mit dem Smartphone ein Foto machen will. „Du musst nur drauf drücken. Der kleine Kreis unten.“, hört sie die Fotografierten immer wieder Anweisungen geben. Antonias Zeichnung wirkt zunehmend lebendiger und doch so friedlich. Keine störenden Menschen, nur die Natur. Ohne Fremdkörper.

„Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie nicht stören. Dürfte ich Ihnen eine Frage stellen?“ Antonia blickt der etwa vierzigjährigen Frau in die Augen, die von Lachfalten umgeben sind. Über deren Arm hängt eine große Spiegelreflexkamera. „Natürlich, was gibt es denn?“ – „Ich habe Sie gerade eine Weile fasziniert beobachtet. Wie Sie auf diesem alten Baumstamm hocken und zeichnen. Sie wirken sehr konzentriert. Ein wunderbares Bild. Ich bin Künstlerin und bereite gerade meine nächste Ausstellung vor. Ich habe mir erlaubt, eine Fotografie von Ihnen zu machen. Sehen Sie hier. Man sieht Sie nur von hinten und kann Sie nicht erkennen. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn ich dieses Bild für die Ausstellung verwenden darf.“ Antonia sieht sich das Bild auf der Rückseite der Kamera an. Sie sitzt auf dem Baumstamm und es wirkt so, als würde sie zu ihm gehören. Als würde sich ihr Körper wie Äste und Zweige im Wind zur Seite neigen. Ein perfektes Zusammenspiel zwischen Natur und Mensch. Auf dem Bild wirkt Antonia nicht wie ein Fremdkörper. Ganz im Gegenteil und auch die anderen Passanten könnten aus diesem Bild nicht weggedacht werden. Es würde etwas fehlen. Antonia lächelt und nickt. „Das können Sie gern verwenden. Unter was für einem Motto stellen Sie denn aus?“ – „Blickwinkel.“ Nach einem kurzen Gespräch widmet sich Antonia wieder ihrer Zeichnung und blättert zu einem leeren Blatt. Sie sitzt hier mitten in der Natur und ärgert sich über andere Menschen als Fremdkörper. Und dabei ist sie doch genau das auch. Sie ist schließlich da. Und trotzdem fühlt sie sich nicht so. Eben so wenig, wie es die anderen Besucher des Parks tun werden. Sie gehören alle zum Bild dieses Frühlingsmorgens.

Lebt leuchtend, Lena.

P.S. Hat Euch der Beitrag zum Lächeln gebracht? Was hat Euch gefallen und was vielleicht auch nicht? Ich freue mich auf Euer Feedback in den Kommentaren oder per Kontaktformular.

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