Spuren

Der Boden fühlt sich im Vergleich mit der weichen und warmen Matratze kalt und glatt wie Steinplatten nach einem Regenschauer an. Die nackten Füße werden unter den Sohlen sofort kühl. Vorsichtig bewegt sich Michelle über das Schlafzimmerparkett und übertritt trotz ihres Dämmerzustands die knarzende Stelle direkt vor dem Sessel. Ihre Kleidung für heute liegt darauf. Es ist noch früh, aber die Sonne scheint bereits durch einen winzigen Spalt zwischen Vorhang und Wand. Auf Zehenspitzen meistert sie den Weg zur Tür und schließt diese vorsichtig. Geschafft, keiner der kleinen Besucher im Bett ist aufgewacht. Der Vater der kleinen Nachteulen schläft sowieso seinen friedlichen Schlaf. Das Badezimmerlicht flackert kurz und zeigt dann im Spiegel die Spuren der letzten Nacht. Der letzten Jahre.

Dunkle Schatten unter den kleinen, leicht rot angelaufenen Augen. Tiefe Linien, die die Augen einrahmen und schon lange nicht mehr als Lachfalten deklariert werden können. Kratzer zieren ihren Ausschnitt, sorgsam platziert von rasiermesserscharfen Fingernägeln der Jüngsten. Krater reihen sich auf ihren Oberschenkeln aneinander und ihr Bauch ist überzogen von milch- bis kirschblütenfarbigen Streifen, als hätte sich jemand mit pastellfarbenen Filzstiften an ihr ausgetobt.

Michelle sieht sich selber in die Augen und lächelt. „Wunderschön“ flüstert sie sich und den Spuren ihrer drei Eulen zu und beginnt, sich für den Tag zu wappnen.

Lebt leuchtend, Lena.

P.S. Hat Euch der Beitrag zum Lächeln gebracht? Was hat Euch gefallen und was vielleicht auch nicht? Ich freue mich auf Euer Feedback in den Kommentaren oder per Kontaktformular.

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