Wild

Wie im wilden Westen geht es im Vorlesungssaal zu, bevor das Licht gedimmt wird. Der Poetryslam sollte schon vor einer halben Stunde beginnen. Irgendjemand hat vergessen, vorher die Technik zu checken. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Veranstaltung ganz klassisch für den Abend zu planen. Aber Marc hatte Viktoria davon überzeugt, dass die Kunst am frühen Morgen besser wertgeschätzt würde. Der Kaffeestand vor dem Saal hat heute jedenfalls alle Rekorde gebrochen. Noch nie wurden um 06:00 Uhr morgens so viele Espressi verkauft. Viktoria blickt über den vollbesetzten Hörsaal hinweg zur Empore und entdeckt ihre beste Freundin, die sich an ihrem Kaffeebecher klammert und offenbar mit jedem Mittel versucht, ihre Augen nicht zu schließen. Es gehört eben nicht jeder zum hippen 5 AM Club. Glücklicherweise sind die anderen Studierenden offenbar besserer oder zumindest wacherer Laune. Die letzten Plätze waren schon vor einer dreiviertel Stunde besetzt. Jetzt geht es nur noch darum, den besten Stehplatz auf den Gängen zu ergattern und dafür scheinen den Beteiligten übliche Höflichkeiten zu vergessen. Wie im wilden Westen halt. Es wird Zeit, dass es los geht.

Marc gibt Viktoria ein Zeichen und sie beginnt, das taghelle Licht herunterzufahren. Durch die Glasfassade leuchten nun nur noch vereinzelt die Sonnenaufgangsstrahlen, die noch nicht vom eigentlichen Geschehen ablenken können. Der Saal wird ganz still. An manchen Stellen kann man Bäckereitüten knistern hören. Marc tritt an das Pult und beginnt mit der Begrüßung. Und plötzlich läuft alles nach Plan. Keine bösen Überraschungen und das Publikum wirkt begeistert von den Beiträgen. Viktoria wischt sich die feucht gewordenen Hände an den Oberschenkeln ab. Von einem Fuß auf den anderen tretend geht sie ihren Text nochmal im Kopf durch.

Wild. Wilder.
Sei doch etwas wilder. Dann bin ich etwas milder.
Sei doch etwas aufregender. Nicht so vorhersehbar.
Sei nicht brav. Sei taff.
Sei spontan, statt vorhersehbar.
Sei impulsiv, statt langweilig.
Unerfüllte Hoffnungen und ihre Aufforderungen.
Befehle – sie brennen in meiner Seele.
Aufregend, taff und spontan. Gar impulsiv sage ich es dir heute:
Ich ändere mich nicht für andere Leute.
Nimm es hin oder lass es bleiben. Ich fülle keine weiteren Seiten.
Ich bin wild. Vielleicht sogar wilder.
Als deine Wunschbilder.

Viktoria taucht aus ihren Gedanken auf. Es ist still. Der Vorlesungssaal blickt sie an. Sie versteht und geht zum Pult. Jetzt ist ihre Chance.

Lebt leuchtend, Lena.

P.S. Hat Euch der Beitrag zum Lächeln gebracht? Was hat Euch gefallen und was vielleicht auch nicht? Ich freue mich auf Euer Feedback in den Kommentaren oder per Kontaktformular.

weitersummen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.